Kloster Hirsau - Überblick

Teile der Klosterruine, im Hintergrund der Eulenturm
Die Schlossruine mit dem Torturm

Das Benediktinerkloster Hirsau im Nordschwarzwald war gegen Ende des 11. Jahrhunderts und in den folgenden Jahrzehnten als Träger der cluniazensischen Reformbewegung das bedeutendste Kloster in Deutschland. Es sind zwei verschiedene bauliche Anlagen zu unterscheiden: das zunächst unbedeutende Aureliuskloster im Talgrund nahe dem östlichen Ufer der Nagold und das ab 1082 auf einer Lößterrasse westlich des Flusses neu errichtete Peter-und-Pauls-Kloster.

Der Figurenfries auf der Südseite des Eulenturms

Vom Aureliuskloster ist heute noch ein Teil der ehemaligen Klosterkirche erhalten. Das Peter-und-Pauls-Kloster fiel zusammen mit dem 1592 fertiggestellten herzoglichen Schloss im pfälzischen Erbfolgekrieg 1692 größtenteils den Flammen zum Opfer, nachdem durchziehende französische Truppen Feuer gelegt hatten. Heute ist es eine Ruine; von der ursprünglichen romanischen Bausubstanz ist lediglich der nördliche der beiden Westtürme, der sog. Eulenturm, noch vollständig erhalten, dessen rätselhafter und vielfach gedeuteter Figurenfries zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk besonderes kunsthistorisches Interesse beansprucht. ´

Wenn wir die einzelnen Skulpturen des Frieses genau betrachten und ihren ikonographischen Hintergrund analysieren, dann können wir seine Bedeutung und auch die Motive, die zu seiner Entstehung führten, erschließen. Er stellt den Lebenskreis eines Hirsauer Laienbruders dar: auf der Nordseite das Kind, auf der Westseite der junge Mann, auf der Südseite der Mann in den besten Jahren, im Zenit seiner Kraft, und wiederum auf der Nordseite der Greis. Zwischen Greis und Kind steht das vierspeichige Rad mit vielfältiger Symbolik.

Neu eingestellt am 17.04.2018:

Die Westtürme der Peter-und-Pauls-Kirche in Hirsau. Zur Ikonographie des Figurenfrieses und der Wandgliederung

St. Aurelius

Die Vorgänge, die zur Gründung des Klosters Hirsau führten, sind uns im Codex Hirsaugiensis überliefert.1 Demnach wurde es um 830 in der Regierungszeit Ludwigs des Frommen von einem Grafen Erlafried gegründet. Dessen Sohn Noting, Bischof im norditalienischen Vercelli, hatte die ursprünglich in der Mailänder Dionysiuskirche verwahrten Gebeine des hl. Aurelius auf väterlichen Grund gebracht. Sie seien zunächst in einem dem hl. Nazarius geweihten Kirchlein, welches auf einem Berg lag, aufbewahrt worden, später in einer am Fuß des Berges errichteten Klosterkirche. Nach dem Ausgrabungsbefund handelte es sich um eine Saalkirche mit einem ungefähr um eine Mauerstärke eingezogenen Rechteckchor.2

Rekonstruktion der Ostansicht der Aureliuskirche von G. Loesti (1893)

In späteren Jahren geriet das Kloster in Verfall. Der entscheidende Impuls zu seiner Wiedererrichtung ging nach dem Bericht im Codex Hirsaugiensis 1049 von Papst Leo IX. aus. Nachdem die Gebeine des Heiligen gesucht und nach Hinzuziehung eines Fachmanns aus Venetien auch tatsächlich gefunden worden seien, habe der Papst seinem Neffen, dem Grafen Adalbert II. von Calw, die Wiederherstellung des Klosters aufgetragen. Mit dem Bau der neuen Aureliuskirche wurde allerdings erst im Jahr 1059 begonnen. 1069 setzte Graf Adalbert den ersten Abt Friedrich nach nur dreijähriger Amtszeit wieder ab; zum Nachfolger berief er den Mönch Wilhelm aus dem Regensburger Kloster St. Emmeram. Am 4. September 1071 wurde die neue Aureliuskirche geweiht.3

Einen ungefähren Eindruck über das Aussehen von St. Aurelius vermittelt die Rekonstruktion aus dem Jahr 1893.4 Die zweite Aureliuskirche war eine dreischiffige Säulenbasilika, der im Westen eine Doppelturmfassade vorgelagert war. Durch das Querschiff erhielt die Kirche einen kreuzförmigen Grundriss. Über der Kreuzung von Querschiff und Mittelschiff erhob sich - in der Zeichnung nicht dargestellt - ein Vierungsturm.5 An den Ostabschluss und die Ostseiten der beiden Querhausarme schlossen drei halbrunde Apsiden an. Südlich der Kirche befand sich die Klausur mit dem Kreuzgang.

Abt Wilhelm war nicht bereit, sich der Eigenklosterherrschaft des Grafen zu unterwerfen. Den Machtkampf mit Adalbert konnte Wilhelm für sich entscheiden, als der Graf 1075 das Kloster aus seiner Herrschaft herauslöste.6 Im gerade ausbrechenden Investiturstreit zwischen Heinrich IV. und Papst Gregor VII. stellte sich Wilhelm entschlossen auf die Seite der geistlichen Macht. Entscheidend für die weitere Entwicklung des Klosters war die Übernahme der Lebensgewohnheiten des burgundischen Klosters Cluny. In der Folge wurde Kloster Hirsau zum Träger einer Reformbewegung, die durch Neugründungen, Übernahme der Hirsauer Reform durch bestehende Klöster und die Berufung von Hirsauer Mönchen auf Abts- und Bischofsstühle große Bedeutung erlangte. Darüber hinaus übte Hirsau großen Einfluss auf die Kirchenarchitektur jener Zeit aus. Weil Wilhelms Erfolg natürlich auch dem Hirsauer Kloster selbst großen Zulauf bescherte, reichte der Platz im Aureliuskloster bald nicht mehr aus, so dass er sich zum Bau des neuen Peter-und-Pauls-Klosters entschloss.

Nach dem Umzug des Konvents in die neue Klausur hatte das Aureliuskloster seine Bedeutung weitgehend verloren. Die Klostergebäude wurden mit Ausnahme der Kirche bereits 1482 abgetragen.7 Als Hirsau in der Reformation evangelisch geworden war, diente die Aureliuskirche dem Forstverwalter als Scheune und Stall. Im November 1584 wurde begonnen, die Kirche abzubrechen. Dabei wurden die Mauern des Querhauses und die weiter östlich anschließenden Kirchenteile mit Ausnahme weniger Wandabschnitte des nördlichen Querhausarms bis auf das Fundament abgetragen, außerdem die oberen Teile der Türme und des Mittelschiffs. Der verbliebene Rest der Kirche wurde mit einem Dach überdeckt. Nachdem der Raum u. a. als Lager, Truppenquartier, Turnhalle, Festsaal und Garage genutzt worden war, wurde er 1954/55 restauriert und am 30.10.1955 für die katholische Kirchengemeinde Calw wieder als Kirche geweiht.8

St. Peter-und-Paul

Rekonstruktion des Inneren der Peterskirche von G. Loesti (1893)

Als die Peter-und-Pauls-Kirche - häufig kurz nur Peterskirche genannt - nach neunjähriger Bauzeit9 am 2. Mai 1091 geweiht wurde, war sie eine der größten Kirchen Deutschlands. Abt Wilhelm erlebte die Weihe noch mit; er starb am 5. Juli 1091.10

Die Peterskirche war in der Form einer flachgedeckten dreischiffigen Säulenbasilika mit kreuzförmigem Grundriss gebaut. Die Rekonstruktion aus dem Jahr 1893 gibt den Raumeindruck im Kircheninneren wieder.11 Die Blickrichtung zeigt zum Presbyterium (Altarhaus) östlich des Querhauses, dessen Ostabschluss von drei Altarnischen gebildet wurde. Weitere Altarnischen befanden sich an den Ostwänden der Räume seitlich des Presbyteriums und als halbrunde Apsiden an den Querhausarmen.

Im Westen war der Basilika eine Vorkirche vorgelagert, die vermutlich zunächst als dreischiffiger, in der Mitte unbedachter Vorhof angelegt war. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wurden westlich dieser ersten Vorkirche zwei Türme errichtet. Nach der dendrochronologischen Datierung wurde der nördliche der beiden Türme - der Eulenturm - um 1220 fertiggestellt. In einer weiteren Bauperiode wurde die Vorkirche dann grundlegend umgestaltet und im Querschnitt an die Basilika angepasst.12 Südlich schlossen sich an die Basilika die um den Kreuzgang gruppierten Klausurgebäude an.

Die Blütezeit des Hirsauer Klosters währte nur wenige Jahrzehnte. Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts erlebte es einen erneuten geistigen und wirtschaftlichen Aufschwung, der eng mit dem Anschluss an die Bursfelder Reformbewegung verknüpft war. Diese zweite Blüte des Klosters schlug sich auch in umfangreichen Bauarbeiten nieder. Von 1474 bis ca. 1495 wurde die romanische Klausur größtenteils abgetragen und im gotischen Stil neu errichtet. Der Grundriss des romanischen Kreuzgangs wurde beibehalten, jedoch wurde er im Niveau bis ca. 1,00 m unter die Bodenhöhe der Kirche abgesenkt, so dass in der Höhe Platz für die gotische Überwölbung des ursprünglich flach gedeckten Kreuzgangs geschaffen wurde. Er erlangte durch seine glasbemalten Fenster Berühmtheit. 1484 bis ca. 1487 entstand östlich des nördlichen Querhausarms der Peterskirche die Allerheiligenkapelle, 1508/1509 bis 1516 anstelle eines romanischen Vorgängerbaus die heute noch bestehende Marienkapelle.13

Das Ende des Klosters wurde mit der Reformation eingeläutet. Die Klostergebäude beherbergten ab 1556 eine evangelische Klosterschule. Das 1592 südlich der Klausur fertiggestellte herzogliche Schloss diente dem Kur- und Badeaufenthalt der herzoglichen Familie.14 Nach dem Brand 1692 verfielen die Peterskirche und die übrigen betroffenen Klostergebäude rasch. Von einem Wiederaufbau wurde abgesehen; statt dessen wurde die Ruine als Steinbruch genutzt. Zu großen Teilen erhalten blieben dagegen die Außenmauern des herzoglichen Schlosses. In dessen Ostflügel stand bis 1989 die durch Ludwig Uhlands Gedicht Ulmenbaum (1829) berühmt gewordene Ulme.


1 Codex Hirsaugiensis, hrsg. v. Eugen Schneider, in: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte 10, 1887, Anhang S. 1 - 78. Der Codex Hirsaugiensis enthält zwei Gründungsberichte: S. 7 f. (fol. 2a. - fol. 3b.) u. S. 25 (fol. 25 a. – fol. 25 b.).
2 Matthias Putze: Zu den Bauten des Aureliusklosters, in: Hirsau. St. Peter und Paul 1091 - 1991, Teil 1: Zur Archäologie und Kunstgeschichte, hrsg. v. Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 1991, S. 11 - 62, hier S. 20 - 23.
3 Codex Hirsaugiensis (wie Anm. 1), S. 8 f. (fol. 3 b. – fol. 4 b.).
4 Eduard Paulus: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg. Schwarzwald-, Jagst- und Donaukreis, Stuttgart, 1893. Dieser Band enthält nur Tafeln ohne Nummernbezeichnung und ohne Seitenangabe. Die Rekonstruktion stammt von Georg Loesti.
5 Hirsau. St. Peter und Paul 1091 - 1991, Teil 1: Zur Archäologie und Kunstgeschichte hrsg. v. Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 1991, S. 521, Abb. 443. Dort ist eine Altartafel vom Ende des 15. Jahrhundert abgebildet (sog. Bopp'sche Tafel), auf der der Vierungsturm deutlich zu erkennen ist.
6 Karl Schmid: Sankt Aurelius in Hirsau 830 (?) - 1049/75. Bemerkungen zur Traditionskritik und zur Gründerproblematik, in: Hirsau. St. Peter und Paul 1091 - 1991, Teil 2: Geschichte, Lebens- und Verfassungsformen eines Reformklosters, hrsg. v. Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 1991, S. 11 - 43, hier S. 23.
7 Karl Greiner u. Siegfried Greiner: Hirsau. Seine Geschichte und seine Ruinen, 14. Aufl., Pforzheim, 1993, S. 30.
8 Matthias Putze (wie Anm. 2), S. 14 f.
9 Vita Willihelmi Abbatis Hirsaugiensis, hrsg. v. Wilhelm Wattenbach, in: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores 12, S. 209 - 225, hier S. 220. Hier wird eine Bauzeit von neun Jahren angegeben, im zehnten Jahr sei die Kirche geweiht worden. Aus der Weihe am 02.05.1091 ergibt sich ein Baubeginn 1082.
10 Codex Hirsaugiensis (wie Anm. 1), S. 9 (fol. 5 b.) u. S. 21 (fol. 21 a.).
11 Eduard Paulus (wie Anm. 4). Die Rekonstruktion stammt ebenfalls von Georg Loesti.
12 Stefan Kummer: Die Gestalt der Peter- und Paulskirche in Hirsau. Eine Bestandsaufnahme, in: Hirsau. St. Peter und Paul 1091 - 1991, Teil 1: Zur Archäologie und Kunstgeschichte, hrsg. v. Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 1991, S. 199 - 208.
13 Anneliese Seeliger-Zeiss: Studien zur Architektur der Spätgotik in Hirsau, in: Hirsau. St. Peter und Paul 1091 - 1991, Teil 1: Zur Archäologie und Kunstgeschichte, hrsg. v. Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Stuttgart, S. 265 - 363, insbes. S. 265 - 267, S. 296 - 298, 324 f., S. 327.
14 Karl Greiner, u. Siegfried Greiner (wie Anm. 7), S. 25, S. 27.